Kaffee mit Musik

Das Bild hier rechts macht aktuell die Runde im Internet.

Mich kotzt es an!

Warum? Stimmt doch, oder nicht?

Ja, und genau darum geht es!

Denn hier wird getrickst, bis die Balken lügen.

Aber zuerst die Message:

Respect the Artist, Buy the Music.

Kann man absolut so stehen lassen! Finde ich auch absolut fair!

Das allein hätte auch voll gereicht. Nur hätte es wohl nicht soviel Aufmerksamkeit gefunden ohne den Vergleich darüber. Und der ist perfide, infam, schamlos, dreckig, und wenn man genau drauf schaut sogar ziemlich schwachsinnig.

Das Problem

Die Grundaussage ist folgende, übersetzt:

Menschen sind bereit $5 für eine Tasse Kaffee auszugeben […] aber Millionen Menschen werden nicht $1 für einen Song ausgeben, den sie mögen.

Das infame hierbei ist, das dies scheinbar den Tatsachen entspricht. Niemand wird widersprechen können, das es mindestens einen Mensch gibt, der $5 für Kaffee ausgibt aber keine (ihm gefallenden) Songs für $1 kauft.

Man könnte aber auch behaupten, das Menschen bereit sind 10 Cent für einen Kaugummi auszugeben, oder $50,000 für ein Auto – aber keine $1 Songs kaufen. Ohweh, die Aussage ist ja komplett austauschbar!

Ob Kaffee, Autos, Kaugummis, Spielzeug, Zigaretten, Obst – mit jedem Produkt würde dieser Vergleich funktionieren – vorausgesetzt das Produkt ist nur geringfügig teuerer als $1 und offensichtlich beliebt – sonst würde jeder sofort den Braten riechen.

Das zweite Problem: die fehlende Mengenangabe im ersten Teil, und die schwammige (Millionen) im zweiten Teil der Aussage. Man vergleicht also eine beliebige, undefinierte Menge (größer 1) mit einer groben Menge (größer 1 Million).

Mathematiker auf der ganzen Welt drehen sich in Ihren Gräbern um.

Quadratur des Kreises

Ein beliebtes Mittel zur Analyse von Aussagen, ist deren Negation auf Sinnhaftigkeit zu prüfen. Ist die Aussage korrekt, muss auch ihre Negation Sinn ergeben. Also prüfen wir das doch mal:

Menschen sind nicht bereit $5 für eine Tasse Kaffee auszugeben, aber Millionen Menschen werden $1 für einen Song ausgeben, den sie mögen.

Hier merkt man sofort das Problem der fehlenden Mengenangabe. Auf einmal sind alle Menschen nicht bereit $5 für einen Kaffee auszugeben. Das stimmt natürlich nicht.

Andersrum sind Millionen Menschen tatsächlich bereit $1 für einen Song auszugeben, den sie mögen. Oder vielleicht sogar nicht mögen. Das stimmt auf jeden Fall. Aber es ist eine Aussage ohne Wert, denn wo Millionen Menschen etwas kaufen gibt es logischerweise auch Millionen Menschen, die etwas nicht kaufen.

Ob sie das Produkt nun mögen oder nicht ist dabei unerheblich. Schließlich geht es nur ums Geld.

Fehlende Vergleichbarkeit

Schauen wir auf die Produkte, so werden hier Kaffee (Nahrungsmittel) und Musik (Kulturgut) gegenübergestellt. Damit dem Leser das nicht auffällt, wird die Aufmerksamkeit schnell auf die vermeintlichen Produktionskosten gelenkt.

Dabei wird unterschlagen, das auch hinter Kaffee eine elend lange, aufwändige und teure Produktionskette steht. Das aufkochen, eingießen und abkassieren steht nur ganz am Ende der Kette. Es ist, als würde man sagen, das man ein Musikalbum nur aus dem Regal nehmen und über den Kassenscanner schieben muss – und das wäre der gesamte Herstellungsprozess von Musik.

Und dann, upps, kostet so ein Album mit 10-15 Songs sogar noch mehr als ein Kaffee!

Man wertet also einen Song gleichbedeutend mit einer Tasse Kaffe. Ist das gerechtfertigt? Nein, es ist vollkommener Blödsinn! Hier werden nicht mal eben Äpfel mit Birnen verglichen, sondern Kaffee mit Musik. Und damit für jeden Menschen ganz unterschiedliche Beweggründe jeweils das eine oder das andere Produkt zu kaufen.

Darin spiegelt sich eigentlich nur wieder, wie der oder die Autoren des Bildes offensichtlich das Gefühl haben, irgendwie benachteiligt zu sein. Und das ist auch kein Wunder, wenn sie solche dummen Vergleiche anstellen.

Die Unterstellung

Was mich am meisten ärgert, und was ich besonders perfide finde, ist die Unterstellung, das man $1 für einen Song ausgeben sollte, den man mag. Als wäre es verwerflich, für etwas nicht zu bezahlen, das einem gefällt.

Es gibt nunmal sehr viel mehr Produkte und Dienstleistungen gegen Geld, die einem gefallen, als man tatsächlich bereit oder in der Lage ist, dafür zu bezahlen. Daran ist rein gar nichts auszusetzen.

Allerdings ist es meist so, das man das Produkt erst bekommt, wenn man dafür bezahlt hat. Bei Musik ist das anders – die kann ich auf vielerlei Wege hören ohne sie bezahlen zu müssen. Aber ich soll trotzdem bitte im Nachhinein dafür Geld ausgeben. Zumindest wünschen sich das alle, die an der Musikproduktion beteiligt sind.

Es ist ein inhärenter Nachteil der Musikdistribution, das man die Musik bereits gehört haben muss, bevor man möglicherweise bereit wäre, dafür Geld auszugeben. Ausgenommen Fans.

Dabei ist sogar gewollt, das man die Musik hört, ohne dafür jeweils $1 für jeden Song ausgegeben zu haben – denn ohne den Song gehört zu haben, wird ihn (außer Fans) auch keiner kaufen! Man will uns also ein schlechtes Gewissen einreden, weil sich eben nicht alle den Marketingerwartungen der Musikproduzenten entsprechend verhalten, oder wie?

Dabei funktioniert das System bei Millionen Menschen ganz offensichtlich. Die kaufen $1 Songs. Wo ist denn nun genau das Problem? Das es vielleicht mehr tun könnten?

Wenn die Erwartungshaltung der Musikproduzenten dahin geht, das man möglichst alle Songs kaufen solle, die einem gefallen – dann sind sie schlicht und ergreifend dreist. Man reitet einfach nur zu gern auf der „Raubkopien machen uns kaputt“ Welle mit.

Moment! Es gilt zu berücksichtigen, das in dem Bild keinerlei Referenz zu illegalen Kopien gemacht werden. Hier geht es allein um das Konsumverhalten.

Und da finde ich es schon verdammt dreist, zu unterstellen es wäre ein Problem, wenn manche Menschen eben lieber teuren Kaffee trinken als „billige“ Musik zu kaufen! Wo, bittschön, soll darin das Problem liegen?

Billig ist schließlich relativ. Beispielsweise kostet es etwa $30,000 einen iPod mit $1 Songs zu füllen. Uff!

Und dann ist es doch überhaupt nicht zu beanstanden, wenn jemand lieber teuren Kaffee trinkt, als Musik zu kaufen. Oder soll ich mich zukünftig dafür schämen, wenn ich einen Kaffee trinke aber bestimmt nicht den Song kaufen werde, den mein Sitznachbar über seine Kopfhörer an die Umgebung ausstrahlt, und mir dieser Song gefällt?

Daran finde ich keinen Gefallen

Oh ja, es geht auch wirklich nur um die Musik, die einem gefällt. Warum wollte man denn nicht wenigstens die Musik kaufen, die einem gefällt? Sehr clever!

Also, meine Frage an dich, lieber Leser: hast du immer schön brav wirklich jeden Song gekauft, der dir gefiel?

Nein?

Schande über dich! Und wehe, du wagst es noch einmal einen überteuerten $5 Starbucks Koffeindrink zu dir zu nehmen! Dann spiel ich dir was auf meiner Geige vor bis dir das Blut aus den Ohren läuft!