Warum die Aufhebung der Netzneutralität womöglich gar nichts bewirkt

Das Ende der Netzneutralität würde einer Interessengruppe große Probleme bereiten. Nämlich derjenigen, die sie ständig fordern: die Netzbetreiber wie T-Com und Kabel Deutschland.

Wenn also Netzbetreiber tatsächlich die Durchleitung der Daten regulieren dürfen, und von den Content Anbietern für die (schnellere) Durchleitung ihrer Inhalte abkassieren dürfen, werden die Netzbetreiber ein Henne-Ei Problem haben wie es das bei Einführung bestimmter Produkte regelmäßig gibt.

Zum Beispiel verkaufen sich Spielekonsolen bekanntermaßen nur, wenn auch genügend (gute) Spiele verfügbar sind und weiterhin entwickelt werden. Dumm nur, das das Produkt der Netzbetreiber keiner haben will, da jeder bereits uneingeschränkten Zugriff auf das gesamte Internet hat und somit nicht netzneutrale Zugänge erstmal gar keinen Mehrwert haben. Dank der Presse wird jeder sofort begreifen, das die „Internet All-Inclusive High-Speed flatrate“ für 40€ monatlich exakt dieselbe ist, die man derzeit schon nutzt und für die man €30 im Monat bezahlt.

Wenn also ein Betreiber damit anfängt, Google services wie Google+, Youtube oder gar die Google Suche selbst einzuschränken – z.B. durch künstliche Verlangsamung, Beschränkung der Aufrufe pro Tag oder gar eine Komplettsperrung, droht dem Betreiber ein großer Proteststurm seitens der Nutzer. Auf der einen Seite werden sie Kunden verlieren, auf der anderen Seite werden findige Entwickler (technische und möglicherweise illegale) Lösungen anbieten, um diese Einschränkungen zu umgehen. Die Presse wird sich umgehend des Themas annehmen, die Protestwelle verstärkt sich, und dem Netzbetreiber droht ein PR Fiasko sondergleichen.

Und wenn beispielsweise Kabel Deutschland an Google herantritt, und sagt: „Entweder ihr zahlt uns, oder wir sperren eure Services.“ dann wird Google’s Antwort lauten: (lautes Gelächter). Keiner der Content Anbieter wird bereit sein, den Präzedenzfall zu schaffen und tatsächlich einen Durchleitungsvertrag mit einem Netzbetreiber abschliessen. Schon gar nicht mit irgendeinem kleinen, lokalen Betrieb der nur ein „paar Millionen“ Haushalte bedient.

Es bedürfte also, zumindest in Europa, einem Konsortium führender europäischer Netzbetreiber die unisono mit den Service Anbietern verhandeln, um überhaupt die notwendige Breite zu schaffen die Content Anbieter an den Verhandlungstisch zu zwingen. Und letztere haben die User auf Ihrer Seite, es wird also auch unter günstigsten Umständen den Netzbetreibern schwer fallen, nach ihrem Sinn gestaltete Durchleitungsverträge zur Unterschrift zu bringen.

Einen Präzedenzfall in ganz anderer Richtung schaffen derzeit ARD und ZDF mit ihrer einseitigen Kündigung der Durchleitungsverträge mit Kabel Deutschland. Hier ist nun ein Content Anbieter nicht mehr bereit einem Netzbetreiber Geld dafür zu zahlen, das die eigenen Programme über das Netz des Betreibers empfangbar sind. An der Stelle zeigt sich, das es die Netzbetreiber sind, die zumindest gegenüber den großen Content Anbietern keine Forderungen stellen können. Und es wird interessant sein zu sehen, wie Kabel Deutschland mit dieser Situation umgeht.

Kann es sich Kabel Deutschland überhaupt leisten, ARD und ZDF aus ihrem Netz auszusperren? Über 12 Millionen Kunden könnten dann kein öffentlich-rechtliches Fernsehprogramm mehr empfangen. Und wie könnte Kabel Deutschland diese Entscheidung seinen Kunden verständlich erklären? Schlicht und ergreifend gar nicht. Womöglich werden ARD und ZDF weiter gesendet, aber nicht mehr deren Dritten Programme.

Und genau so wird es kommen, wenn die Netzneutralität des Internet aufgehoben werden würde. Kein Anbieter könnte Geld von Content Anbietern verlangen, damit sie neue Produkte verkaufen können, die schlechter sind als die existierenden. Sollte es soweit kommen, wird sich die Katze ganz gewaltig in den Schwanz beissen.

Die größere Gefahr geht von einem schleichenden Prozess aus. Wenn die Netzbetreiber allmählich den Zugriff auf bestimmte Services nach und nach herunterfährt, z.b. indem die Transferraten von Youtube künstlich begrenzt würden oder Pakete von Spieleservern künstlich verzögert eintreffen. Natürlich immer bestritten und bestenfalls auf technische Probleme zurückzuführen, die selbstverständlich unverzüglich überprüft werden.

Und die Netzbetreiber werden Verträge abschliessen mit den kleinen Content Anbietern, beispielsweise eben Game Server Hosts, oder YouPorn, oder manch einer Musikplattform wie Spotify. Also die Anbieter, die einen Nichenmarkt bedienen und für die der Verlust von Millionen potentieller Nutzer durchaus weh tun würde.

Dann vielleicht wird das Prinzip des Frosches im langsam heißer werdenden Wasser funktionieren. Und in einigen Jahren könnte man aufgrund der (vermeintlich) immer schlechter werdenden Internet Infrastruktur nun seine neuen Produkte vermarkten, um den Ausbau des Netzes voranzutreiben. Aber Pustekuchen, der Ausbau wird nicht kommen. Denn wenn sich auf derselben Infrastruktur durch Priorisierung der Dienste mehr Geld von zahlungswilligen Kunden machen lässt, macht ein Ausbau kein Sinn. Im Gegenteil, er würde ja nur wieder Rufe zur Netzneutralität lauter werden lassen.

Und genau das ist der Grund, warum wir die Netzneutralität bewahren müssen. Sie geißelt die kleinen Anbieter, aber an die großen Content Anbieter, die derzeit von den Netzbetreibern als zahlungsunwillige Bandbreitenschmarotzer dargestellt werden … tja, die werden am Ende eben doch nicht zahlen. Weil deren Services für die Netzbetreiber viel zu wichtig sind.

Und an der Netzqualität wird sich auch nichts verbessern, es ist denkbar das sogar noch weniger in die Infrastruktur investiert wird, weil es so viel leichter ist einen unliebsamen Datendienst einfach exklusiv nur in einem sehr viel teureren Internetzugang anzubieten, und die schlechte Netzqualität für diese Business Entscheidung verantwortlich zu machen. Das Netz ist schuld, nicht der Netzbetreiber. Der ist schließlich im Interesse aller gezwungen so zu handeln.

Letzten Endes wird es dennoch extrem schwer sein, die Netzneutralität tatsächlich in einem entscheidenden Maß urplötzlich auszuhebeln. Aber der schleichende Prozeß, der macht mir richtig Angst. Technische (und möglicherweise illegale) Lösungen, Providerwechsel, Proteststürme und nicht zuletzt die Interessen der Content Anbieter würden eine sofortige Aufhebung der Netzneutralität stoppen können. Aber man darf keinesfalls das langfristig orientierte, strategische Management der Netzbetreiber und deren politische Einflußnahme unterschätzen.

Das heißt also nicht, das man jetzt aufhören kann, gegen die Aufhebung der Netzneutralität zu protestieren. Im Gegenteil muss man umso mehr dagegensteuern, je weniger sich in diese Richtung bewegt, umso mehr Kompromisse gemacht werden. Null Toleranz für jede Beeinträchtigung der Netzneutralität!